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Dietmar Kreutzer

Chronik der Schwulen

Die neunziger Jahre
Pillen, Promis und Paraden

kart., großformatig,
über 300 farbige Abbildungen

112 Seiten,
16,80 EUR

ISBN: 978-3-939542-75 - 9



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Leseprobe

zum Autor

Chronik der Siebziger
Chronik der Achtziger

 


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www.gaybooks.de

Pillen, Promis und Paraden: die schwulen neunziger Jahre

In Wort und viel Bild zeigt die Chronik der Neunziger ein Jahrzehnt der Promis und der schwulen Offensive: Schauspieler wie Richard Chamberlain bekennen sich, Hape Kerkeling wird lockerer, Patrick Lindner adoptiert ein Kind. Schwule Figuren erobern die Vorabendserien, Carsten Flöter heiratet sogar. Telefonsex und Pornoindustrie boomen, Poppers entspannt und beflügelt. Nebenbei wird § 175 gestrichen, der Kampf um die Homo-Ehe kommt in Fahrt. Erstmals können Hiv-Positive auf eine dauerhaft wirksame Kombi-Therapie hoffen. Dann gibt es noch großes Kino (Philadelphia, My private Idaho) und Romane wie Elvira auf Gran Canaria, Hollinghursts Schwimmbad-Bibliothek, Cunninghams Fünf Meilen vor Woodstock. Der bewegte Mann füllt die Kinokassen.


Leseprobe

Vorwort

Traut Euch! Der Kampf um rechtliche Gleichstellung bestimmt die Schlagzeilen des Jahres 1993. Hunderte Paare ziehen vor die Standesämter, um ihr Aufgebot zu bestellen. An der Spitze: Hella von Sinnen und Cornelia Scheel. Der Christopher Street Day verwandelt sich zur Massenveranstaltung, auf der Schwule und Lesben in bis dahin unbekannter Weise Präsenz zeigen. Nackte Haut dient als Blickfang. Drag-Queens führen ihre Reifröcke vor, Ledermänner zeigen ihr Geschirr. Die Kameras der Fernsehsender sind immer dabei.

Frisch geoutete TV-Lieblinge wie Alfred Biolek und Hape Kerkeling suchen die Öffentlichkeit. Volksmusikant Patrick Lindner und Freund adoptieren sogar ein Kind. In den Daily-Soaps des deutschen Fernsehens werden Coming-out, erstes Liebesglück und der Trennungsschmerz von Schwulen zum Quotenbringer. Die Heteros an den Bildschirmen reiben sich bis ins letzte bayerische Bergdorf verwundert die Augen.

Die neunziger Jahre sind das Jahrzehnt des kollektiven Coming-outs. Noch immer nicht ganz dort angekommen, nehmen die Schwulen ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft ins Visier. In einzelnen Bereichen werden sie sogar schon als Trendsetter wahrgenommen. Auch Heteros kaufen jetzt Schlüpfer von Calvin Klein und Duftwässerchen von Davidoff. Doch auch das sind neunziger Jahre: Die Deutsche Aids-Hilfe und unzählige Selbsthilfeprojekte organisieren den Kampf gegen die nach wie vor tödliche Krankheit. Große Titelgeschichten im Spiegel vermelden 1996 erste Erfolge durch Kombinationstherapien. Diese Therapien markieren den Wandel vom nicht behandelbaren, auf absehbare Zeit tödlichen Aids zur chronischen Krankheit, mit der die Infizierten auf unbestimmte Zeit umgehen können.

Die vorliegende Chronik dieser Ereignisse wird Jahr für Jahr von einem Überblick zu Entwicklungen in der Szene eingeleitet. Der Newsticker ruft Weltnachrichten ins Gedächtnis. Er steckt den Rahmen ab, in dem sich schwules Leben entwickelt. Die einzelnen Beiträge sind nach dem Datum ihrer Veröffentlichung geordnet. Ausgewertet habe ich vor allem die großen deutschen Schwulenzeitschriften. Mit Du&Ich erlebt das älteste Magazin einen beispiellosen journalistischen Niedergang. Magnus scheitert am hohen Anspruch und mangelnder Breitenwirkung. Queer tritt vorübergehend in seine Fußstapfen. Am Ende des Jahrzehnts haben sich Männer aktuell und Adam durchgesetzt.

Dass nackte Kerle den Politikern sogar aufs Dach steigen können, zeigt sich im Sommer 1999. Am Tag der Love-Parade besichtigt eine Reihe von Models im Adamskostüm die gläserne Kuppel des Reichstags. Vier Fotografen begleiten die von mir organisierte Tour. Der Wirbel um die frechen Nacktfrösche verschafft dem Sitz des Deutschen Bundestags zum ersten Mal ein wenig Glamour. Die Bild-Zeitung mutmaßt eine gezielte "Sex-Attacke nackter Lümmel, jung und muskulös" auf das Hohe Haus. Die Bilder von der Aktion gehen um die halbe Welt.

Vier Jahre später schreibt Klaus Wowereit, inzwischen Berlins erster schwuler Bürgermeister, ein Grußwort zur Fotoausstellung im Goethe-Institut von Los Angeles: "Die nackten Männer beim Fotoshooting in der Kuppel des Reichstags, dem Sitz des deutschen Parlamentes, erscheinen nur auf den ersten Blick als Provokation. (...) Obwohl es gar nicht nötig war, die Freizügigkeit der Hauptstadt zu testen, zeigt Naked Berlin die Vitalität und den Lebenshunger von Berlin. Wenige andere Metropolen entfalten ein Lebensgefühl und einen so speziellen Charme wie die deutsche Hauptstadt."


Pressestimmen

Dietmar Kreutzer schreibt vcom "Jahrzehnt des kollektiven Coming-outs". Es ist der Beginn einer neuen Normalität.
Siegessäule

Beim Blättern merkt man: Es war doch gar nicht so wenig los jenen Jahren.
Du&Icvh

Gay Life ganz ohne GayRomeo & Co, für heutige Homo-Twens kaum vorstellbar.
Männer

Nie zuvor war der schwule Mann so präsent auch in den Mainstream-Medien wie im letzten Jahrzehnt.
Axel Schock in Hinnerk, RIK & LEO

 
 


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