Raimund Wolfert:
"Gegen Einsamkeit und ‹Einsiedelei›"
Die Geschichte der Internationalen Homophilen Welt-Organisation
Kartoniert, 220 Seiten
16,00 € (D)
ISBN 978-3-939542-73-5
Über Raimuind Wolfert
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Leseprobe
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Zwischen Anpassung und Rebellion
Schon vor dem Aufbruch der neuen, rebellischen Schwulenbewegung Anfang der 70er Jahre gab es eine bürgerliche Homo-Organisation mit guten Kontakten zu Medien und zur Politik, mit Regionalgruppen und einem eigenen Clubzentrum, zu dem jeder Zutritt hatte: die IHWO. Bei allem Einsatz blieb sie jedoch in den Anpassungsstrategien der sechziger Jahre stecken, protestierte sogar vehement gegen Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers ...".
Die Geschichte der IHWO erzählt von den spannenden Kontroversen zwischen Anpassung und Provokation, an denen sie 1974 zugrunde ging. Die Ironie der Geschichte: Nachdem die rebellische Bewegung zu beachtlichen Erfolgen führte, erlebt die Anpassung in Gestalt des LSVD eine Wiedergeburt.
(Begleitbuch zur Ausstellung im Schwulen Museum Berlin, Eröffnung: 30.9.09)
Inhalt:
- Einleitung
- ANFÄNGE IN DÄNEMARK
- Die Vorgeschichte
- Wachsendes Konfliktpotential
- Die "große Pornographie-Affäre"
- Keine Solidaritätsbekundungen
- Die ersten Jahre der IHWO
- SPRUNG ÜBER DIE GRENZE
- Zunehmende Internationalisierung
- Politisierung im neuen IHWO-Zentrum
- Die Mitgliederzeitschrift UNI
- Internationale Begegnungen und Kongresse
- Das Ende der dänischen IHWO
- AUFBAUJAHRE IN DEUTSCHLAND
- Die Ausgangslage
- Die Wurzeln der Hamburger IHWO
- Der Aufbau der Organisation
- Das erste Clubzentrum
- Erfahrungen mit den Medien
- Erste Kontakte zu Wissenschaftlern, Politikern und Kirchenvertretern
- "Gute Freunde" und Vorbilder im europäischen Ausland
- STREBEN NACH PROFESSIONALISIERUNG
- Die Praunheim-Kontroverse
- Erste Expansionsversuche
- Die Wahl zum neuen Vorstand
- Die Zusammenarbeit mit der Homophilen Studentengruppe Münster
- Die Bundestagsparteien
- Das neue Clubzentrum
- Die Regionalgruppen
- NIEDERGANG
- "Meditationstechnik" statt Gesellschaftskritik
- Die Deutsche Aktionsgruppe Homosexualität
- Der Weg in die finanzielle Krise
- "Es gibt keine Solidarität in jenen Kreisen"
Raimund Wolfert zeichnet diese spannende Geschichte in seinem lesenswerten Buch faktenreich nach. Die Überraschung dabei: Viele der damaligen Debatten zwischen Bürgerlichen und Radikalen über das Bild des anständigen Homosexuellen erscheinen heute so aktuell wie eh und je.
Stefan Mielchen in Hinnerk
Interessant!
XTRA
Für jüngere LeserInnen ist wohl der interessanteste Aspekt die Darstellung der unterschiedlichen politischen Ansätze der Bewegung vor und nach Stonewall.
Kurt Krickler in Lambda
Unterhaltsame Wissensvermittlung
Rolf G. Klaiber in Exit
Einleitung
Die Geschichte der Internationalen Homophilen Welt-Organisation (IHWO) erstreckt sich über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren, und sie ist alles andere als einheitlich. In den ersten Jahren ihrer Existenz war die IHWO eine Organisation, die im Stillen wirkte und keine politischen Forderungen erhob. Sie fungierte vorrangig als Vermittlungsorganisation für private Kontakte und als Verkaufszentrale für homoerotisches Bildmaterial. Erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre politisierte sich die in Dänemark gegründete Gruppierung und nahm mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit und Forderungen an die gesetzgebenden Organe verstärkt den deutschsprachigen Raum ins Blickfeld. Die Hamburger IHWO, die sich nach der Liberalisierung des § 175 StGB im Herbst 1969 konstituierte und sich zunächst als "norddeutscher Ableger des internationalen Verbandes der Homophilen mit Sitz in Dänemark" verstand, hatte mit ihrer Vorgängervereinigung nicht viel mehr gemein als den Namen. Sie war nie eine internationale, geschweige denn eine Weltorganisation. Doch entwickelte sie sich schnell zu einer mitgliederstarken Vereinigung, die aus der eigenen Größe und der fehlenden Konkurrenz einen gewissen Führungsanspruch innerhalb der deutschsprachigen Homosexuellenbewegung ableitete. Die Gründer der Hamburger IHWO dürften indes kaum über das ursprüngliche Profil der dänischen Mutterorganisation orientiert gewesen sein.
Eines jedoch haben die dänische und die deutsche IHWO gemein: Beide Organisationen waren geächtet und verfemt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Die beiden dänischen Gründer der IHWO Axel Lundahl Madsen und Eigil Eskildsen, die später als Paar den gemeinsamen Familiennamen Axgil annahmen, wurden bis Anfang der siebziger Jahre in engagierten Homosexuellenkreisen weit über die Grenzen Dänemarks hinaus gemieden, weil ihnen die Schuld für die "große Pornographie-Affäre" von 1955 zugeschoben wurde. Im Zuge dieser Affäre waren etwa 800 dänische Homosexuelle zu Verhören vorgeladen worden, es kam zu einer Welle von Strafverfahren und nach unbestätigten Angaben zu über 60 Selbstmorden. Die deutsche IHWO hatte mit Pornographie nicht viel am Hut. Sie sah sich nach dem Zusammenbruch der Wiesbadener Interessenvereinigung Deutscher Homophiler (IDH) Anfang der siebziger Jahre quasi als Alleinvertreterin für 2,4 Millionen "Homophile" in Deutschland. Die Gründungsmitglieder der Hamburger IHWO waren in ihrer überwiegenden Mehrheit berufstätige Männer der Mittelschicht, die entweder 30 Jahre bereits überschritten hatten oder zumindest auf diese "magische" Altergrenze zugingen. Damit hatten sie später bei ihren jüngeren Zeitgenossen keinen leichten Stand. In Ablehnung der homosexuellen Subkultur und weil sie sich selbst und ihre Lebensentwürfe in dieser Subkultur nicht wiederfanden, bildeten sie einen Verein, der schnell an den eigenen, ehrgeizigen Plänen zur Professionalisierung sowie an Konflikten mit den studentisch geprägten schwul-lesbischen Aktionsgruppen scheiterte, die ab 1971 im Kielwasser des Rosa von Praunheim-Films Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt entstanden. Zentrales Ideal der IHWO war die gleichgeschlechtliche harmonische Dauerfreundschaft, wie sie von den beiden Vorstandsvorsitzenden Carl Stoewahs und Claus Fischdick vorgelebt wurde. Mit der "schwulen Sau am Bahnhof" wollte man nicht identifiziert werden.
Die Hamburger IHWO war nicht Teil der Schwulen- und Lesbenbewegung der siebziger Jahre, die heute gemeinhin als "dritte deutsche Homosexuellenbewegung" bezeichnet wird, und gehörte einer Zeit an, die stark vom Autoritäts- und Respektabilitätsdenken der fünfziger und sechziger Jahre geprägt war. Die Organisation wollte weder schockieren noch provozieren, sie wollte mit gesellschaftlichen Meinungsträgern wie Politikern, Kirchenvertretern und Wissenschaftlern "hinter den Kulissen" ins Gespräch kommen, nicht aber "den gemeinen Mann auf der Straße" ansprechen. Als die neuen Schwulen- und Lesbengruppen um Rosa von Praunheim und Martin Dannecker ganz bewusst auf Konfrontationskurs zur bestehenden Gesellschaft gingen, "scheindemokratische" Verhältnisse anprangerten und die Diskriminierung Homosexueller in der Gesellschaft massiv zur Sprache brachten, reagierte die IHWO mit Unverständnis. "Sollen wir der Öffentlichkeit noch mehr Anlaß geben, gegen die ‹Schwulen› zu sein?" fragte sie 1972 irritiert. Genauso wenig wie ihre Vertreter sich jemals öffentlich als "schwul" bezeichnet hätten, sahen sie sich jetzt von "radikalen Studenten" angemessen vertreten - weder im Stil noch in der Argumentation. Zwar bemühte man sich um eine gewisse Zusammenarbeit mit den Studentengruppen, richtig ernst genommen hat die IHWO sie aber nie.
Im "Gegenlager" sah das nicht viel anders aus. Die jüngeren selbstbewussten Schwulen und Lesben konnten sich mit den meist älteren bürgerlichen Homosexuellen nicht identifizieren. Nach Martin Dannecker hat die deutsche Schwulen- und Lesbenbewegung der siebziger Jahre die ihr vorausgehende Homophilenbewegung nicht zur Kenntnis genommen oder sich entschlossen von ihr abgesetzt. Er selbst habe Anfang der siebziger Jahre die diversen sich selbst "Vereinigungen von Homophilen" oder "Clubs für Freunde" nennenden Gruppierungen als "Kaffeekränzchen" und "privatim als Vereine von Humanitätsduseln denunziert". Die "bewegten Homoeroten" der fünfziger und sechziger Jahre hatten sich in seinen Augen und in denen vieler seiner Mitstreiter "durch das Ausmaß ihrer Anpassung an die homosexuellenfeindliche Gesellschaft diskreditiert. Sie hatten sich [...] zu eng an die wuchernden antihomosexuellen Bilder ihrer Zeit angeschmiegt und sich von den Stereotypen der Homosexualität Ton und Richtung ihres ‹Kampfes› sowie ihre Lebensweise vorschreiben lassen." Es habe überhaupt zwischen den Protagonisten der Homophilenbewegung und denen der Schwulenbewegung kaum Berührungen, vor allem aber keine politische Zusammenarbeit gegeben. Dies trifft zu, wenn man die IHWO den Schwulengruppen der siebziger Jahre gegenüberstellt. Gleiches lässt sich allerdings auch über das Verhältnis der IHWO zu den ihr vorausgehenden deutschen Homophilen-Verbänden samt deren Vertretern sagen.
Nach Dannecker waren die Homosexuellen der fünfziger und sechziger Jahre "angetrieben von einem glühenden Willen nach Anerkennung und dem drängenden Verlangen, normal zu erscheinen. In zäher Kleinarbeit versuchten sie das antihomosexuelle Gerede und die Stereotypen der Homosexualität zu widerlegen. Dabei haben sie sich freilich tief in die Antihomosexualität verstrickt. Scham, Sitte und Anstand, in deren Namen Homosexuelle abgewertet wurden, waren für die meisten von ihnen positive Kategorien, die sie dazu einsetzten, sich von denjenigen zu distanzieren, die obgleich ebenfalls homosexuell, mit den je eigenen Vorstellungen von Scham, Sitte und Anstand nicht zu vereinen waren." Die Schwulenbewegung der siebziger Jahre hat mit diesem Taktieren und Lavieren gebrochen. Sie hat nach Dannecker nicht um Toleranz und Anerkennung gebuhlt, sondern die Antihomosexualität der Mehrheitsgesellschaft geradezu herausgefordert: "Nach den Maßgaben der homosexuellenfeindlichen Gesellschaft sind Homosexuelle abartig und pervers. Der politische Geniestreich der Schwulenbewegung lag darin, solche Vorstellungen nicht zu widerlegen, sondern durch die Art und Weise ihres Agierens und mit den von ihr vertretenen Parolen und Theorien scheinbar zu bestätigen."
Aber heißt das, dass wir über die Homophilenbewegung der fünfziger und sechziger Jahre den Mantel des Schweigens legen sollten? So als sei vor Praunheim, Dannecker & Co eben nichts gewesen? War alles Argumentieren aus dem bürgerlichen Lager heraus, und mag es noch so zögerlich und im moderaten Ton vorgetragen worden sein, falsch und überflüssig? Immerhin hatte die IHWO zu ihrer Blütezeit um 1973 etwa 800 Mitglieder und verfügte über mindestens sieben Regionalgruppen zwischen Berlin, Oldenburg und Lörrach. Das sollte ihr lange keine andere Organisation nachmachen.
Mit der IHWO, wie sie sich Anfang der siebziger Jahre darstellte, wäre die "Homosexualisierung der Gesellschaft", wie wir sie heute kennen, nicht erreicht worden. Nur machen wir uns nichts vor: Noch immer ist nicht alles erreicht, und auch die studentisch geprägten Schwulen- und Lesbengruppen und ihre Nachfolger in den achtziger und neunziger Jahren haben sich nicht per se durch eine größere Langlebigkeit als die "bürgerliche" IHWO ausgezeichnet. Als größtes Verdienst, das die "Bewegung" für die Schwulen und Lesben neben der Entkriminalisierung der männlichen Homosexualität erstritten habe, wird immer wieder die "Homo-Ehe" herausgestellt, auch wenn nur ein kleiner Teil der Betroffenen diese Rechtsinstitution überhaupt in Anspruch nimmt. Nach Albert Eckert, der wie Martin Dannecker den Gang der Schwulen- und Lesbenbewegung durch die Institutionen mitverfolgt und mitgestaltet hat, stehen gerade neuere Organisationen wie der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) politisch in der Tradition der Internationalen Homophilen Welt-Organisation, ohne dass ihnen allerdings das "eigenartig pathetisch Verdruckste der IHWO" anhafte. Sie träten selbstverständlich und selbstbewusst auf und legten damit ein Verhalten an den Tag, das vermutlich erst durch die anderen "Bewegungsschwestern" der Studentenbewegung möglich geworden sei: die "Ungezogenen". Hatte die IHWO also nur den zweiten vor dem ersten Schritt getan? Hatte sie sich die politische Arbeit für die Übertragung des heterosexuellen Ehemodells auf die Homosexuellen auf die Fahnen geschrieben, ohne persönlich für den eigentlichen "Kampf" emanzipiert genug gewesen zu sein?
Als die IHWO sich 1973 im Rahmen einer Fernsehdiskussion über Rosa von Praunheims Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt in Schweigen hüllte und nur wenige Monate später keinen Vertreter zur bundesweit durchgeführten Unterschriftenaktion gegen den § 175 StGB schickte, machte sie sich selbst überflüssig. Auf die Aktionsformen der neuen Zeit hatte sie keine Antworten. "Sichtbarkeit" und "Identifizierbarkeit" gehörten nicht zu ihren Schlagworten. Selbst in der schwulen Presse gaben einzelne IHWO-Vorstandsmitglieder kaum mehr als ihre Vornamen kund und ließen sich im Interview mit Zahlen wie "02", "04" oder "05" anreden. In den eigenen Kreisen machte sich zunehmend Unmut über ausbleibende Gesellschaftskritik, großspuriges Kompetenzgehabe und mangelndes Demokratieverständnis breit, und in der Folge liefen der IHWO die Mitglieder davon. Eine völlig verfehlte Finanzpolitik führte schließlich zu dem unrühmlichen Ende der Organisation. Einer der größten Fehler der IHWO dürfte gewesen sein, dass sie ihr Heil im Streben nach Professionalisierung suchte und im Zuge gesteigerter Imagepflege die Mitgliederbasis aus den Augen verlor. Immer wieder ging es ihr und ihren Vertretern vor allem darum, den eigenen Machtanspruch zu sichern. Für ihr Ideal der homosexuellen Dauerpartnerschaft und des eigenen Platzes für Schwule und Lesben in der Mitte der Gesellschaft haben nach ihr dann noch ganz andere gekämpft.
Die vorliegende Geschichte der IHWO geht auf ein langjähriges Forschungsinteresse zurück. Ausgangspunkt der Darstellung sind Unterlagen, die der dänische Gründer der IHWO Axel Axgil mir im Lauf der letzten Jahre sukzessive geschenkt hat. Hinzu kam Material, das 1993 nach dem Tod des deutschen IHWO-Schatzmeisters Carl Stoewahs auf dessen Veranlassung hin ins Schwule Museum Berlin (SMB) gelangte. Durch zahlreiche Interviews und Briefwechsel mit noch lebenden Zeitzeugen konnte ich meinen Einblick in die Vereinsgeschichte vertiefen, auch wenn nicht alle Gespräche auf die gestellten Fragen Antworten boten. Offenbar ist schon viel zu viel Zeit vergangen, als dass die Protagonisten von damals sich heute noch an alle Details erinnern können. Es müssen Leerstellen bleiben.
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