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Binet-Valmer

(d.i. Jean-Gustave Binet-Valmer)

Lucien

Mit einem Nachwort von Wolfram Setz

Bibliothek rosa Winkel, Bd. 50

Kartoniert, 304 Seiten
mit zahlreichen Abbildungen
18,00 € (D)

ISBN 978-3-939542-51-3



Leseprobe

 


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Berühmter Arzt und schwuler Sohn -
der Roman, der für Marcel Proust ein Ärgernis war

Lucien ist der Sohn des berühmten Arztes Francois Vigier, der seinem schwachen Sohn Lucien verständnislos gegenüber steht. Dieser versucht sich als Künstler zu behaupten, versagt jedoch kläglich und ist selbst zum Selbstmord zu ungeschickt. Im Hintergrund wirkt der männlich-selbstbewusste (und ausschweifende) Reginald Lovell, der Lucien im letzten Moment zum Sprung in die Freiheit verhilft.

Aus der Besprechung von Numa Praetorius (1911):
"Dieser Roman hat in Paris ziemliches Aufsehen erregt. Einige Kritiker hoben ihn in den Himmel und rühmten den Mut des Verfassers, in ernster Weise ein homosexuelles Problem behandelt zu haben, andere dagegen, bei Anerkennung des literarischen Wertes, wiesen das Hauptthema zurück: so meinte ... der Kritiker des "Temps", es sei schade, daß Verfasser sein Talent zu einem derartigen heiklen Stoff hergebe, der vielleicht jenseits des Rheines salonfähig und Gegenstand des Gesprächs sein möge, in Frankreich aber noch, Gott sei Dank, in der Konversation verpönt sei und zum Glück auch in der Literatur ..."

Jean-Gustave Binet-Valmer (1875-1940) veröffentlichte über 30 Romane. Lucien, 1910 erstmals erschienen, 1921 neu aufgelegt und parallel in einer preiswerten Sonderausgabe veröffentlicht, war über viele Jahre der erfolgreichste französische Roman zum Thema Homosexualität. Die deutsche Übersetzung von Richard Hein erschien erstmals 1923.




Leseprobe

Mit einer unwirschen Geste warf François Vigier seinen Federhalter auf den mächtigen Schreibtisch:

- Sprechen Sie nur nicht so schnell und undeutlich, Batchano! . . . Mit Ihrem rumänischen Akzent und Ihrer Angewohnheit, die Silben zu verschlucken, sind Sie wirklich schwer zu verstehen, mein Bester . . . Was erzählen Sie mir da eigentlich? . . . Ein Jemand, den Sie nicht namhaft machen können oder wollen, hat Ihnen heute morgen Schlechtes von meinem Sohne hinterbracht . . . Heute nachmittag haben Sie Lucien zu sich bestellt, um ihm das mitzuteilen, was man Ihnen gesagt hat . . . Lucien hat Ihnen eine grobe Antwort

gegeben, und jetzt kommen Sie zu mir und beklagen sich über Luciens Benehmen . . . Hören Sie, mein Teurer, da muß ich Ihnen aber entschieden unrecht geben. Sie haben doch Luciens Mutter behandelt, von der er, wie Sie wissen, eine fast krankhaft-nervöse Reizbarkeit ererbt hat. Auf der anderen Seite wissen Sie, daß er auf die Sympathie und das Vertrauen, das ich Ihnen bezeuge, in gewisser Weise stets eifersüchtig ist. Wie haben Sie, ein Psychologe, unter diesen Umständen auch nur einen Augenblick annehmen können, er würde Ihnen gestatten, "meinen Platz" bei ihm einzunehmen? . . . Ich wiederhole: "meinen Platz"; denn es kommt lediglich mir, dem Vater, zu, ein Urteil über des Sohnes Führung zu fällen! . . . Aber gehen Sie mir, Batchano! machen Sie kein solches Gesicht! . . . Ich lege so gut wie gar kein Gewicht all den Klatschereien von Leuten bei, auf die Sie viel zu viel hören, und beachte von jeher und prinzipiell nicht anonyme Denunziationen. Ja! Machen Sie mir die Person namhaft, die uns die Ehre erweist, sich so besorgt um Lucien zu bekümmern! Aber sprechen Sie nur langsam; wir kommen auf diese Weise zweimal so schnell vorwärts.

Der alte Mann, dessen Ellenbogen auf den Armlehnen eines Fauteuils ruhten, faltete langsam seine runzeligen Hände.

Die Dunkelheit der Nacht war eingebrochen.

An der gegenüberliegenden Seite des Tisches stand Batchano, den Kopf ein wenig nach rückwärts gelehnt. Er richtete auf den Meister seinen durchdringenden, fast herausfordernden Blick, der ihm schon manche Feinde und viele Verehrerinnen geschaffen hatte.

Es war, als wolle er mit seinen Augen dem Meister beibringen, was er ihm zu sagen hatte, aber nicht recht zu formulieren wußte.

Und doch wäre es so einfach gewesen! . . . Er hätte nur den Namen des Polizeipräsidenten zu erwähnen brauchen, und sofort hätte die Unterhaltung eine ganz andere Wendung genommen. Batchano aber wollte nicht so direkt mit der Sprache heraus, er scheute sich, die nackte Wahrheit, zumal in brüsker und schroffer Weise, auf einmal zu bringen; er wollte den Vater langsam vorbereiten . . . in schonender Weise ihm beibringen, daß sein Sohn . . . Er fühlte, daß man eine derartige Schandtat nicht so ohne weiteres klipp und klar definieren könnte.

Als Batchano das Arbeitszimmer betreten, hatte ihn ein fast freudiger Ausruf empfangen: - "Ah! Sie sind es . . . Gerade wollte ich Ihnen schreiben . . . Soeben hat man mir nämlich telephoniert, er werde die Nacht kaum mehr überleben . . ." Derjenige, dessen so kurz bevorstehenden Tod François Vigier hiermit hatte ankündigen wollen, war ein im Asyl von Villejuif internierter, armer Teufel, der an einem noch nie bisher beobachteten Nervenleiden krankte. Um Lecamus, Nummer 15 des Saales Broca, stritten sich seit einem Jahre bereits die Psychiater. Unter anderen Umständen würde die Aussicht auf eine so interessante Leichenschau Batchano in freudigste Erregung versetzt, ihn fieberhaft begeistert haben, wie einen Goldmacher, der vor dem Momente steht, seinen Probiertiegel zu zerschlagen; aber an jenem Tage war Batchano außerstande, für die Sezierung eines Geisteskranken sich zu erwärmen, und gerade das Gefühl seiner eigenen Ohnmacht zeigte ihm so recht die Grausamkeit des Schicksals, das in kurzem François Vigier seiner Arbeit entreißen und einem niederschmetternden Kummer ausliefern würde.

- Bevor ich Ihnen, teurer Meister, die Persönlichkeit nennen werde, die mir von Lucien gesprochen hat, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Symptome lenken, die sich bei Ihrem Sohne in, meinem Ermessen nach, unverkennbarer Weise gezeigt haben.

Er sprach diesen Satz, dessen versteckten Sinn er besonders stark hatte hervortreten lassen wollen, unter scharfer Trennung jeder einzelnen Silbe aus.

Aber kaum hatte er geendet, als die Türe des Arbeitszimmers, von einem heftigen Windstoße begleitet, aufgerissen wurde:

- Darf ich hineinkommen?

- Es scheint mir, Marie, daß Sie die erbetene Erlaubnis nicht erst lange abwarten, sagte François Vigier, indem er sich an ein junges Mädchen wandte, das auf der Türschwelle erschien. Dicht in ihre Pelze gehüllt und hübsch, wie es bisweilen die Polinnen sind, rief sie funkelnden Auges mit slawischem Akzente, der das "r" rollt und die Vokale nachklingen läßt:

- Ich fürchte Sie zu stören, Meister! . . . Nur einen Moment bitte! Aber rühren Sie sich nicht! . . . Ich muß das doch vergleichen . . . Einfach wunderbar, einfach wunderbar!

Im Türrahmen hochaufgerichtet stehend, wiegte Maria Lewinska, ein junges Mädchen von etwa dreiundzwanzig Jahren, ihren zierlichen Kopf unter den aschblonden Haaren und blickte abwechselnd, bald auf die Revue "Femina", die sie dicht vor dem Gesichte hielt, bald auf das Arbeitszimmer, in das sie soeben in so indiskreter Weise eingedrungen war.

- Was denn? . . . Was denn? . . . Was gibt es denn wunderbares? . . . fragte François Vigier.

Er erhob sich, eine hohe, dürre Erscheinung, und stützte seine Hand auf die Hüfte.

Ohne dem Meister eine Antwort zu geben, wandte sich das junge Mädchen an Batchano:

- Für fünfzig Centimes einen Besuch bei François Vigier! sagte sie; das kann man doch nicht teuer nennen, Herr Doktor Batchano! . . .

Darauf wechselte sie plötzlich ihren Ton und rief aus:

- Meister, Meister! Wie ist es nur möglich? Das haben Sie erlaubt? Und noch dazu in "Femina", wo nur Aufsätze von Frauenzimmern, Schauspielerinnen usw. erscheinen, aber nie eine einzige ernste Arbeit abgedruckt wird.

- Ich habe gar nichts erlaubt, erwiderte François Vigier, und vor allem habe ich Ihnen nicht erlaubt, bei mir diesen Spektakel zu verüben. Beruhigen Sie sich doch erst einmal!

Er war an sie herangetreten. Um einen ganzen Kopf überragte er sie. Mit dem kalten Blicke seiner blauen Augen musterte er Marie.

Sie schlug die Augenlider nieder, errötete tief und reichte ihm die Broschüre hin.

François Vigier ergriff hastig das Blatt, beugte sich darüber und erkannte auf der Mitte einer Seite die Photographie seines Arbeitszimmers.

Es war ein hohes, tiefes, recht geräumiges Zimmer. In seiner Mitte stand ein ungeheuerer Tisch von einer derartigen Breite, daß die an seinen Seiten aufgestapelten Bände im Halbdunkel der Abenddämmerung mit den Bänden der Bücherregale ineinander zu verfließen schienen, die ringsum die Wände des Zimmers ausfüllten und in seinem Hintergrunde einen mächtigen, im Stile Louis XV gehaltenen Kamin einrahmten, der, in geädertem Marmor gehauen und mit Kupfereinlagen geschmückt, kaum anders als häßlich genannt werden konnte.

Das Arbeitszimmer hatte in Wirklichkeit nichts Malerisches, aber auf der Photographie erschien es prachtvoll und wie einzig dazu geschaffen, den Lehnsessel François Vigiers zu rahmen und damit dem Greise selbst, dessen weißes Haar und schönes glattrasiertes Gesicht mit dem Cäsarenprofil sich scharf auf dem Hintergrunde der dunklen Einbände abhob, als stimmungsvolle Dekoration zu dienen.

Man findet die erwähnte Photographie in jedem Sammelband der Zeitschrift "Femina". Ein eigenartiges Bild: Es zeigt den großen Mann im Kreise seiner um ihn vereinten Familie: seiner Frau, seiner Tochter und seines Sohnes.

Frau Vigier mit ihrer geschmeidigen Taille, ihrem niedlichen, kleinen Gesichte, das ein mächtiger Haarschmuck einrahmt, sieht in ihrer tief ausgeschnittenen Toilette wirklich ausgezeichnet aus, um wenigstens zwanzig Jahre scheint sie jünger zu sein als ihr Mann. Man fragt sich, warum sie wie zum Balle gekleidet ist, während er den Arbeitskittel anhat, auf den die Enden seiner nonchalant gebundenen Lavallièrekrawatte herunterhängen. Mit ihrem auf die bloße Schulter geneigten Köpfchen macht sie einen verliebten, aber wie in der Liebe enttäuschten Eindruck. Neben ihr steht ihre Tochter Louise; ganz im Gegensatze zu ihrer ernst aussehenden Mutter lacht sie wie eine Tolle: eine wahre Range von teuflischer Schönheit. Was kümmert sie sich um den Photographen? Ihre Hand, die sie auch keine Sekunde ruhig halten kann, erscheint auf dem Bild nur ganz verwischt.

Auf der rechten Seite der Gruppe erblickt man in tadellos gearbeitetem Frack, der jede Linie des schlanken Körpers sehen läßt, einen Jüngling, dessen Ähnlichkeit mit François Vigier um so mehr hervortritt, als Vater und Sohn in der gleichen, auffallenden Weise ihr Haar tragen. Es ist dies eine Frisur, die bei dem Greise der Vornehmheit seines Gesichtes gewiß keinen Abbruch tut: die nach vorne gekämmten, glatt nach antik-griechischer Mode verschnittenen Haare fallen bis zur Mitte der Stirne herab.

Nur der Mund Luciens stört die Ähnlichkeit, die der Jüngling so ängstlich zu betonen sucht. Seine Lippen sind voll, weich, fast allzu nackt; sie weisen zugleich auf Sinnlichkeit und auf Überdruß hin. Die Mundwinkel liegen unter einer kleinen Hautfalte der Wange versteckt.

Im Gegensatze dazu glaubt man auf dem Munde François Vigiers, der glattrasiert und charakteristisch scharf gezeichnet ist, eine friedfertige, mit jener unerschöpflichen Geduld bewaffnete Seele zu entdecken, wie sie dem Genie nur eigen ist.

Im übrigen zeigen beide Gesichter die gleiche Milde in Fläche und Linie, dieselbe Kraft in der Modellierung der Züge. Die großen hellen Augen unter den etwas schweren Lidern sind absolut die gleichen.



Kaum eine Minute lang sah François Vigier das Heft an.

- Sagen Sie einmal, Batchano! meinte er mit gedämpfter Stimme; haben Sie nicht vor drei Wochen diese Photographie gemacht?

Als Batchano, der ein wenig abseits stand, des Meisters Worte an sich gerichtet hörte, trat er näher, um François Vigier eine Erklärung zu geben. Dazu aber ließ Marie ihm keine Zeit:

- Ich entsinne mich sehr wohl, Herr Batchano, sagte sie mit peremptorischem Tone, daß Sie von dieser Platte nur drei Abzüge gemacht haben. Wenigstens haben Sie das mir vor dem Meister versprochen! . . . Einer dieser Abzüge ist im Salon Frau Vigiers, der zweite ist bei mir, der dritte war bei Frau Batchano.

Sie betonte das "war" in der beleidigendsten Weise, aber Batchano antwortete nur mit einem leichten Achselzucken.

Zwischen Marie und Batchano herrschte jene eigenartige Eifersucht, die bisweilen die Schüler eines großen Mannes dazu bringt, sich gegenseitig zu hassen. Reich (zweimalhunderttausend Franken Rente), Waise mit zwanzig Jahren und unabhängig in ihrem Geschmacke, sich das Leben zu gestalten, war Maria Lewinska, vernarrt in die Wissenschaft der Ideenlehre, aus dem Inneren ihres Polen nach Frankreich gekommen, um in unmittelbarer Nähe des Meisters, dessen Werke sie gelesen hatte, unsere und ihre Seele zu studieren. Kaum hatte sie François Vigier erblickt, als sie in ihrer, ihr selbst nicht bewußten Leidenschaft dem schönen Greise nicht nur ihren Verstand, sondern auch ihr Herz verschenkte. Sie litt! Und warum? François Vigier hatte nicht auf sie gewartet; er hatte geheiratet, hatte Kinder und Schüler und vor allem einen Schüler, den er liebte: den Doktor Batchano.

Um über diesen Rivalen zu triumphieren, hätte sie ein Verbrechen begehen können; um ihn bei einem Fehler zu ertappen, belauerte sie ihn monatelang. Es war dies vor allem zu der Zeit der Fall gewesen, als der junge Rumäne, der arm und blutjung verheiratet, bis dahin nur der Liebe zur Wissenschaft gelebt hatte, sich von dem Erfolge verblenden ließ, den er in gewissen Salons des Quartier de l'Etoile seinem blendenden Aussehen und dem Umstande verdankte, daß er in Wesen und Auftreten etwas äußerst Einnehmendes hatte. Auf Kosten seines Schlafes verbrachte er so manchen Abend in Saus und Braus. Und mehr als einmal überraschte ihn Marie in lächerlicher Lage, wie z. B. an jenem Tage, da Batchano, auf einer Kongreßreise nach Rom begriffen, der Fürstin Padovana drei enorme Hüte überbrachte, die ihr die Herzogin von Armanjon durch ihn überreichen ließ . . . - Kleine Eitelkeiten und Verschrobenheiten, und weiter nichts! . . . Marie aber versäumte es nie, sie François Vigier zu hinterbringen. Dieser lächelte in der Regel nur darüber, und um so mehr geriet sie dann in Ärger und Wut. Sie beschuldigte Batchano, er würdige die Wissenschaften herab. Denn sie war noch auf dem längst veralteten Standpunkte, ein Gelehrter müsse wie ein Priester leben. Denn: lebte nicht François Vigier selbst wie ein Mönch?

Ein unermüdlicher Denker, dieser François Vigier! Weltliche Vergnügungen schien er überhaupt nicht zu kennen. Wenn er nicht an seinem Werke arbeitete, so lebte er in Villejuif im Laboratorium der Experimentalpsychologie, dessen Gründer er ist, und das noch heute seinen Namen trägt. Nur selten sah man ihn in einer der beiden Akademien, deren Mitglied er war. Die unzähligen Preise, die ihm Frankreich und das übrige Europa zugesprochen hatten (unter wie vielen anderen den Nobelpreis), sie alle hatte er weder mit Freude, noch mit Verachtung, sondern kaltblütig, gleichgültig, mit jenem weiten Blicke in die Ferne, den Marie so an ihm liebte, entgegengenommen.

Er war ihr Held, ihr Ideal, ihr Eigentum.

Man stelle sich ihren Zorn bei jener Entweihung ihres Allerheiligsten vor. Das Bild ihres Gottes schmückte "Femina". Nicht einen Augenblick hatte sie gezögert: Batchano war der Schuldige! . . . Sie fragte sich nicht, zu welchem Zwecke er wohl die Photographie dem Blatte eingeschickt haben mochte. Sie wollte in ihm den Verräter, ereiferte sich gegen ihn und hatte ihre helle Freude daran, ihm endlich eins auswischen zu können. Hatte sie nicht an die hundert Male François Vigier diejenigen unter seinen Kollegen aufs strengste tadeln hören, die sich soweit herabgelassen hatten, im Wege unwürdiger Reklame die Gewohnheit des Theatervolkes nachzuahmen? . . . Zitternd vor Grimm war sie zu ihrem Meister gestürzt, um als erste ihm den Skandal mitteilen zu können. Die Anwesenheit Batchanos bei François Vigier hatte sie zwar überrascht; noch viel mehr aber überraschte es sie, daß Batchano nur mit den Schultern zuckte und zu François Vigier sagte:

- Wenn Sie die Güte hätten, teurer Meister, Fräulein Lewinska für einen Augenblick zu bitten, uns allein zu lassen? . . . Es steht jene Photographie im Zusammenhange mit dem Zwischenfalle, von dem ich soeben sprach, als wir unterbrochen wurden.

Dann wandte er sich mit Höflichkeit Marie zu:

- Sie werden mir gütigst verzeihen!

Als François Vigier trotzdem noch ungläubig zu sein schien und, wie an der Wahrheit zweifelnd, die Augenbrauen in die Höhe zog, nahm Batchano ihn beiseite und flüsterte ihm ins Ohr:

- Lucien hat die Photographie eingesandt. Lesen Sie nur selbst den Artikel.

- Wünschen Sie, daß ich mich zurückziehe? zischte Marie jetzt beleidigt, während François Vigier an den Tisch ging, eine Lampe anzündete und das Journal aufschlug.

Die Strahlen, die ein undurchsichtiger, türkisfarbener Lampenschirm zurückwarf, fielen nur gedämpft auf die Bücherstapel und die Seiten eines starken Manuskriptes. François Vigier las den Artikel, in dem es hieß "es hoffe Lucien François Vigier eine dem Ruhme seines Vaters ebenbürtige Laufbahn als Künstler zurückzulegen".

Marie hielt ihren Blick fest auf Batchano gebannt; sie blickte aber in ein so tiefernstes Gesicht, daß sie doch unruhig zu werden begann.

François Vigier richtete sich wieder in die Höhe:

- Lassen Sie uns, mein liebes Kind, auf einen Augenblick allein, meinte er dann mit Güte. Aber kommen Sie in fünf Minuten wieder, wenn Sie mir etwas mitzuteilen haben. Würden Sie nicht heute abend bei uns zu Tische bleiben?

- Heute abend? rief Marie sichtlich erfreut aus. Eine Einladung von François Vigier war etwas Seltenes, und nichts vermochte sie in gleichem Maße zu ehren und glücklich zu machen.

- Heute abend? wiederholte sie . . . ach, das ist zu dumm! . . . Ich habe bereits vor einer Woche für heute abend bei Lady Cynthia Gore zugesagt. Herr und Frau Batchano sind ebenfalls dort, soviel ich weiß.

- Jawohl! stimmte ihr Batchano zuvorkommend bei.

- Ich könnte ja noch telephonisch absagen, Meister!

- Aber nein! mein Kind! Kommen Sie ein anderes Mal, antwortete François Vigier mit Gelassenheit.

- Ein anderes Mal? . . . Gut! . . . Ganz wie Sie wünschen! erklärte Marie und war von neuem beleidigt! Ich gehe also! . . . "Femina" lasse ich Ihnen da.

Und mit einem steifen Kopfnicken für Batchano schritt sie zur Türe hinaus. François Vigier in seiner ihm angeborenen, außerordentlichen Höflichkeit begleitete die junge Dame bis an die Schwelle seiner Behausung; dann kehrte er ins Arbeitszimmer zurück:

- Und jetzt, Batchano, seien Sie kurz und bündig, sagte er; ich bin ganz Ohr.


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