Friedrich Radszuweit
Männer zu verkaufen
Ein Wirklichkeitsroman aus der Welt der männlichen Erpresser und Prostituierten
Bibliothek rosa Winkel Band 61
Mit einem Nachwort
von Jens Dobler
Hardcover
180 Seiten,
16,00 EUR (D)
ISBN: 978-3-86300-061-5
Pressestimmen
Leseprobe
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Berlin 1930
Berlin 1930: Erich Lammers ist Hauslehrer bei Baron von Rotberg, der erpreßt wird und kurz vor dem Ruin steht. Lammers will dem Baron helfen und muß feststellen, daß der Erpresser sein von der Familie verstoßener Bruder ist. Nach langen Gesprächen und Streifzügen durch den Dschungel der Großstadt findet eine doppelte Versöhnung statt: der verstoßene Sohn versöhnt sich mit seiner Familie, der Erpresser mit seinem Opfer.
»Anregungen und neue Gedanken inbezug auf die Freundesliebe« hatte Radszuweit sich schon in seiner (im Anhang abgedruckten) Erzählung »Freunde« von 1926 formuliert.
Friedrich Radszuweit (1876–1932) war mit dem »Bund für Menschenrecht« eine Leitfigur der frühen Emanzipationsbewegung. Als Verleger äußerst erfolgreich, dominierte er den Zeitschriftenmarkt für Schwule und Lesben. Politisch war er bis zu seinem frühen Tod um einen Ausgleich mit dem aufkommenden Zeitgeist bemüht; Bruno Balz sah in ihm einen »mutigen und tapf'ren Streiter«.
Friedrich Radsuweit schrieb diesen Roman 1930 als Anklageschrift gegen eine diskriminierende Gesellschaft, in der ihre Sexualität verheimlichende Homosexuelle leicht Opfer von Erpressungen wurden und Polizei und Justiz, je nach Belieben, streng oder nachsichtig, die mann-männliche Liebe mit Hilfe des Paragraphen 175 verfolgten. Radszuweit, selbst Aktivist gegen die strafrechtliche Verfolgung im „Bund für Menschenrechte“, liefert uns ein Sittengemälde Berlins in der Zwischenkriegszeit. Moralisch empört und um Verständnis ringend — das Ende verbleibt denn doch in einem bürgerlichen Utopia des Ausgleichs und ist arg konstruiert — präsentiert er uns eine kulturell vielfältige mann-männliche Kultur, welche die Nazis später unwiederbringlich zerstörten. Eine lesenswerte und wichtige Wiederveröffentlichung.
Bodo Niendel in Prager Frühling
Moralisch empört und um Verständnis ringend - das arg konstruierte Ende des Roman verbleibt in einem bürgerlichen Utopia des Ausgleichs - präsentiert der Autor eine kulturell vielfältige mann-männliche Kultur, die die Nazis nur wenige Jahre später so unwiederbringlich zerstörten. "Männer zu verkaufen" ist eine lesenswerte und wichtige Wiederveröffentlichung!
Queer.de
... ermöglicht dem Leser einen guten Einblick in die deutsche Gesellschaft vor zirka achtzig Jahren.
Blu
Dieser wiederentdeckte Tatsachenroman zeigt die dunkleren Seiten ...
Hinnerk
Fast schon einen parodistische Geschichte ... , ein einziges Plädoyer gegen § 175 und für die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Liebe.
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»Ja, so einer bin ich!« erwiderte Rotberg und erhob sich von seinem Platz.
Dicht trat er an Lammers heran und mit vor Wut bebender Stimme zischte er: »Nun, Herr Hauslehrer, nach diesem Geständnis haben Sie wohl Ihre Meinung über meine Tat geändert? Wissen Sie denn überhaupt etwas davon, wie Menschen zur gleichgeschlechtlichen Liebe kommen?«
»Ich habe mich bisher mit diesem Problem noch nicht beschäftigt,« gab Lammers zurück.
»So, so, und doch gebrauchten Sie einen so verächtlichen und beleidigenden Ton, als ich Ihnen sagte, daß ich nur das eigene Geschlecht liebe. Man soll nicht über Sachen ein Urteil fällen, von denen man nichts versteht, Herr Hauslehrer! Eine weitere Unterhaltung dürfte jetzt wohl überflüssig sein.«
Kurz drehte sich Baron von Rotberg um und wollte das Zimmer verlassen.
Lammers ergriff den Arm Rotbergs und hielt ihn zurück.
»Verzeihen Sie, Herr Baron, daß ich einen verächtlichen Ton anschlug, aber ich war über Ihr Geständnis so überrascht, daß ich jede Beherrschung über meine Gefühle verloren hatte. Ich sehe ein, daß ich vorschnell geurteilt habe. Ich bitte um Entschuldigung wegen meines unhöflichen Benehmens.«
»Und Ihre jetzige Ansicht über meine Tat?« fragte der Baron.
Verlegen stand Lammers da und grübelte nach einer Antwort. Endlich sagte er:
»Herr Baron! Ihre Enthüllung hat mich so überrascht, daß ich im Augenblick keine wahre Antwort geben kann, da Sie mir aber so offen Ihre Liebe zum gleichen Geschlecht offenbaren, kann Ihrer Tat wohl kein unedles Motiv zugrunde liegen. Wie ich darüber denke, kann ich aber erst dann sagen, wenn ich Ihre Geschichte ganz gehört habe, und darum bitte ich Sie, in Ihrer Erzählung fortzufahren.«
Beide nahmen wieder auf dem Sofa Platz und Baron Rotberg erzählte weiter.
»Also, ich verliebte mich in den zweiundzwanzigjährigen Burschen. Er erwiderte meine Liebe, und nur zu schnell verstrich die kurze Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte. Bei meiner Abreise wollte er fast vergehen vor Schmerz und bat immerfort, ich möchte doch bald wiederkommen, was ich auch versprach. Acht Tage nach meiner Abreise erhielt ich von Helmut einen Brief, worin er mich um ein Darlehen von zweihundert Mark bat, weil er plötzlich seine Stellung wegen Krankheit verloren habe. Ich sandte ihm sofort das Geld und bat ihn in einem Schreiben, sobald als möglich Näheres zu berichten. Doch lange hörte ich nichts von ihm, und meine Briefe kamen als unbestellbar zurück. Etwa fünf Monate nach diesem Vorfall erhielt ich einen zweiten Brief, unterzeichnet mit Emmy Kohlrausch, worin mir nahegelegt wurde, sofort zweitausend Mark an diese Person zu senden, und zwar als Beihilfe für Arzt und Arzneikosten, die für Helmut Hintze infolge seiner Erkrankung, an der ich angeblich allein die Schuld trage, entstanden seien. Diese Geschichte kam mir etwas sehr sonderbar vor, und ich reiste sofort nach Berlin, um nachzusehen, was dort los sei.
Sie, Herr Lammers, werden sich kaum meine grenzenlose Überraschung vorstellen können, als ich in einem der vornehmsten Villenviertel Berlins die luxuriös ausgestattete Wohnung dieser Kohlrausch betrat und Helmut mit noch acht anderen jungen Leuten gesund und munter bei einem fröhlichen Zechgelage vorfand. Mit offenem Munde stand ich in der Tür und schaute mir dieses Bild jugendlichen Leichtsinns an.
Als Helmut mich sah, stand er auf, kam auf mich zugetorkelt und lallte mit heiserer Stimme. ›Ah, sieh da, mein Grauchen ist gekommen, mein Goldfüchslein bringt mir die zweitausend Mark selbst. Das ist aber fein, da gibt es heute eine fidele Hochzeitsnacht.‹ Er war ganz nahe an mich herangekommen und versuchte seine Arme um meinen Hals zu legen. Voll Ekel und Empörung über soviel Lüge und Verworfenheit, die ich Helmut nie zugetraut hätte, versetzte ich ihm einen Schlag ins Gesicht, so daß er zu Boden fiel, und wandte mich zum Gehen. –
Auf dem Korridor stand ein Frauenzimmer mit aufgedunsenem Gesicht, das vor lauter Schminke und Puder eher einem andern Körperteil als einem Gesicht ähnlich sah. ›Emmy Kohlrausch‹, stellte sie sich vor. ›Ich habe wohl die Ehre, Herrn Baron von Rotberg vor mir zu sehen; ich bin bereits durch meine Zofe verständigt, daß der Herr Baron hier ist.‹
Schnell öffnete sie eine Tür, ich schaute in einen märchenhaft ausgestatteten Empfangssalon, und ehe ich es verhindern konnte, hatte mir ein Mädchen Hut und Mantel abgenommen und Emmy Kohlrausch drückte mich mit den Worten: ›Bitte nehmen Sie Platz, Herr Baron,‹ in einen Fauteuil nieder.
Ohne Umschweife ging sie auf ihr Ziel los. ›Herr Baron sind, wie ich weiß, der Kavalier des Helmut Hintze gewesen. Gott, na ja, Jugend hat keine Tugend, Herr Baron. Zu der Zeit, als wir noch jung waren, da war es ja ganz anders, – aber heute – – also, Helmut hat eine Schuldenlast von annähernd zweitausend Mark bei mir und die muß nun endlich beglichen werden. Der Junge hat ja recht viel Chancen und verdient auch sehr gut, aber seine Freundin, die er aushält, kostet ihm mehr als er an Einnahmen erzielt und daher erinnert er sich von Zeit zu Zeit seiner gewesenen Kavaliere und bittet um Unterstützung. Wieviel wollen der Herr Baron heute zahlen?‹
›Ich zahle keinen Pfennig. Ich bin dem Helmut zu nichts verpflichtet,‹ erwiderte ich und erhob mich.
Auch Emmy Kohlrausch hatte sich erhoben und in bissigem Ton erwiderte sie:
›Man soll solche Leute, wie Helmut Hintze, nicht reizen, die scheuen vor nichts zurück, und die unliebsamen Folgen für Sie sind nicht abzusehen, Herr Baron.‹ – Mit diesen Worten begleitete sie mich zum Ausgang.
In mir gärte und kochte alles vor Wut über das zweite Gesicht, das Helmut verstanden hatte, sich in seiner Eigenschaft als Kellner anzueignen und dem ich zum Opfer gefallen war.
Unentschlossen, was ich tun sollte, durchwanderte ich die Straßen, auf niemand und nichts achtend.
Plötzlich kam mir der Gedanke, unter dem Vorwand, daß ich Helmut Hintze als Diener engagieren will, eine polizeiliche Auskunft über seine Führung einzuholen.
Die Auskunft lautete: Nachteiliges über pp. Hintze nicht bekannt, Vorstrafen keine.
Lange hielt ich das Auskunftsformular in den Händen und las es immer wieder. In jenen Minuten der Unentschlossenheit, was ich nun tun sollte, kämpften Ekel, Haß, Mitleid und Liebe in meinem Herzen um Helmut Hintze. In dem einen Ohr hörte ich eine Stimme, die mir zurief: Helmut ist ein Verbrecher, wende dich ab von ihm, sonst kommst du in den Abgrund. Im andern Ohr war mir, als flüsterte es: Helmut ist in seinem jugendlichen Leichtsinn gestrauchelt. Durch fadenscheinige Schmeicheleien falscher Kavaliere, die ihn nur für eine Nacht haben wollten, eitel und eigensüchtig gemacht, ist er zum gewerbsmäßigen Prostituierten herabgesunken. Hilf ihm! Durch deine Liebe und Güte wird er wieder ein brauchbarer Mensch der Gesellschaft werden.
Können Sie, Herr Lammers, mit Ihren sechsundzwanzig Jahren sich einen solchen Seelenkonflikt vorstellen?«
Baron Rotberg wartete auf eine Antwort von Lammers, doch vergeblich. Dieser hatte den Kopf in die Hände gestützt und schaute nachdenklich zum Fenster.
Rotberg berührte leicht die Schulter des Hauslehrers und fragte: »Woran denken Sie, Herr Lammers, daß Sie meine Frage überhören?«
Erschrocken drehte sich Lammers um und leise antwortete er:
»Liebe und Güte sollten eigentlich immer imstande sein, einen Menschen zu bessern, und doch bewirkt gerade Liebe und Güte in sehr vielen Fällen das Gegenteil von dem, was man erreichen will.«
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