"Ein Dichter und warmer Freund"
Im 19. Jahrhundert war die Literatur der Dreh- und Angelpunkt des gebildeten Lebens. Mit welchem Ingrimm und mit welchem Aufwand die Dichter Immermann, Platen und Heine aufeinander eingeschlagen haben, war dennoch selbst damals nur schwer verständlich. Graf Platen beschimpft Heine als schamlosen Juden, Immermann und Heine wiederum schreiben ganze Bücher, um Platen als Phrasendreschmaschine ohne Substanz abzukanzeln; nebenbei rümpfen sie über seine Liebessonette die Nase, die er jungen Männern widmet. Erstaunlicherweise wurde selbst von jüdischen Zeitgenossen Platens plumper Antisemitismus weniger übel genommen, als Heines vermeintliche Schläge unter die Gürtellinie.
Dieser Band versammelt die Originaltexte der Kombattanten und einige Reaktionen der literarischen Öffentlichkeit und versucht eine Interpretation der Ereignisse aus heutiger Sicht.
Der Stein des Anstoßes: Ein Gedicht von Immermann
Groß Mérite ist es jetzo, nach Saadis Art zu gieren
Doch mir scheint’s egal gepudelt, ob wir östlich, westlich irren.
Sonsten sang beim Mondenscheine Nachtigall, seu Philomele
Wenn jetzt Bülbül flötet, scheint es mir denn doch dieselbe Kehle.
Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen,
Essen sie zu viel, die Armen, und vomiren dann Gaselen.
Eine verdienstvoll, runde Zusammenstellung eines brisanten Dichterstreits, bei der sich der Leser eine eigene Meinung bilden kann. Zudem sagen die Texte viel über die deustche Biedermeiergesellschaft und ihren Umgang mit Minderheiten aus - aber auch viel über die bevorstehenden literarischen undn politisch-sozialen Umwälzungen.
Queer.de
Für alle literarischen Genoeßern ein Muss.
XTRA
Christopher Keppel und Joachim Bartholomae haben mit dem vorliegenden Buch diese niederträchtige Kontroverse zwischen den Dichtern sorgsam dokumentiert und den neuesten Stand der Forschung dargestellt. Besonders erfreulich ist dabei, dass sie die wesentlichen Textstellen der Beteiligten nicht nur stellen- sondern seitenweise abdrucken.
Hannes Sulzenbacher in QWien
Leseproben (Platen & Heine)
August Graf von Platen: Der romantische Ödipus, Akt V. (Auszug)
Nimmermann.
Dies sing' ich dir, mein Heine, Samen Abrahams!
Chor.
Er stirbt, und wimmernd fleht er schon Freund Hein herbei!
Publikum.
Du irrst; er ruft Freund Hein ja nicht, den herrlichen
Petrark des Lauberhüttenfests beschwört er bloß.
Nimmermann.
Du bist der ersten Dichter einer, sagst du selbst!
Publikum.
Wahr ist's, in einem Liedelein behauptet er's;
Doch keiner glaubt's, wie's immer bei Propheten geht.
Nimmermann.
Welch einen Anlauf nimmst du, Synagogenstolz!
Publikum.
Gewiss, es ist dein Busenfreund des sterblichen
Geschlechts der Menschen Allerunverschämtester.
Nimmermann.
Sein Freund, ich bin's; doch möcht' ich nicht sein Liebchen sein;
Denn seine Küsse sondern ab Knoblauchsgeruch.
Publikum.
Drum führt er sein Riechfläschchen auch beständig mit.
Nimmermann.
Mein Heine! Sind wir beide nicht ein Paar Genies?
Wer wagt zu stören, Süßer, uns den süßen Traum?
Heinrich Heine: Die Bäder von Lucca Buch X (Auszug)
"Sie treffen uns" - sprach der Markese didaktisch pathetischen Tones - "wirklich in einer poetischen Beschäftigung. Ich weiß wohl, Doktor, Sie gehören zu den Dichtern, die einen eigensinnigen Kopf haben, und nicht einsehen, dass die Füße in der Dichtkunst die Hauptsache sind. Ein gebildetes Gemüt wird aber nur durch die gebildete Form angesprochen, diese können wir nur von den Griechen lernen und von neueren Dichtern, die griechisch streben, griechisch denken, griechisch fühlen, und in solcher Weise ihre Gefühle an den Mann bringen."
"Versteht sich an den Mann, nicht an die Frau, wie ein unklassischer romantischer Dichter zu tun pflegt" - bemerkte meine Wenigkeit.
"Herr Gumpel spricht zuweilen wie ein Buch", flüsterte mir Hyazinth von der Seite zu, presste die schmalen Lippen zusammen, blinzelte mit stolz vergnügten Äuglein und schüttelte das wunderstaunende Häuptlein. "Ich sage Ihnen" - setzte er etwas lauter hinzu - "wie ein Buch spricht er zuweilen, er ist dann sozusagen kein Mensch mehr, sondern ein höheres Wesen, und ich werde dann wie dumm, je mehr ich ihn anhöre."
"Und was haben Sie denn jetzt in den Händen?" frug ich den Markese.
"Brillanten!" antwortete er und überreichte mir das Buch.
Bei dem Wort "Brillanten" sprang Hyazinth in die Höhe; doch als er nur ein Buch sah, lächelte er mitleidigen Blicks. Dieses brillante Buch aber hatte auf dem Vorderblatte folgenden Titel:
"Gedichte von August Grafen von Platen; Stuttgart und Tübingen. Verlag der J. G. Cottaschen Buchhandlung. 1828."
Auf dem Hinterblatte stand zierlich geschrieben: "Geschenk warmer brüderlicher Freundschaft." Dabei roch das Buch nach jenem seltsamen Parfüm, der mit Eau de Cologne nicht die mindeste Verwandtschaft hat, und vielleicht auch dem Umstande beizumessen war, dass der Markese die ganze Nacht darin gelesen hatte.
"Ich habe die ganze Nacht kein Auge zutun können" - klagte er mir - "ich war so sehr bewegt, ich musste eilfmal aus dem Bette steigen, und zum Glück hatte ich dabei diese vortreffliche Lektüre, woraus ich nicht bloß Belehrung für die Poesie, sondern auch Trost für das Leben geschöpft habe. Sie sehen, wie sehr ich das Buch geehrt, es fehlt kein einziges Blatt, und doch, wenn ich so saß, wie ich saß, kam ich manchmal in Versuchung -"
"Das wird mehreren passiert sein, Herr Markese."
"Ich schwöre Ihnen bei unserer lieben Frau von Lorette und so wahr ich ein ehrlicher Mann bin" - fuhr jener fort - "diese Gedichte haben nicht ihresgleichen. Ich war, wie Sie wissen, gestern Abend in Verzweiflung, sozusagen, au désespoir, als das Fatum mir nicht vergönnte, meine Julia zu besitzen - da las ich diese Gedichte, jedes Mal ein Gedicht wenn ich aufstehen musste, und eine solche Gleichgültigkeit gegen die Weiber war die Folge, dass mir mein eigener Liebesschmerz zuwider wurde. Das ist eben das Schöne an diesem Dichter, dass er nur für Männer glüht, in warmer Freundschaft; er gibt uns den Vorzug vor dem weiblichen Geschlechte, und schon für diese Ehre sollten wir ihm dankbar sein. Er ist darin größer als alle andern Dichter, er schmeichelt nicht dem gewöhnlichen Geschmack des großen Haufens, er heilt uns von unserer Passion für die Weiber, die uns soviel Unglück zuzieht - O Weiber! Weiber! Wer uns von Euren Fesseln befreit, der ist ein Wohltäter der Menschheit. Es ist ewig schade, dass Shakespeare sein eminentes theatralisches Talent nicht dazu benutzt hat, denn er soll, wie ich hier zuerst lese, nicht minder großherzig gefühlt haben als der große Graf Platen, der in seinen Sonetten von Shakespeare sagt:
Nicht Mädchenlaunen störten deinen Schlummer,
Doch stets um Freundschaft sehn wir warm dich ringen:
Dein Freund errettet dich aus Weiberschlingen,
Und seine Schönheit ist dein Ruhm und Kummer.
Während der Markese diese Worte mit warmem Gefühl deklamierte, und der glatte Mist ihm gleichsam auf der Zunge schmolz, schnitt Hyazinth die widersprechendsten Gesichter, zugleich verdrießlich und beifällig, und endlich sprach er:
"Herr Markese, Sie sprechen wie ein Buch, auch die Verse gehen Ihnen wieder so leicht ab wie diese Nacht, aber ihr Inhalt will mir nicht gefallen. Als Mann fühle ich mich geschmeichelt, dass der Graf Platen uns den Vorzug gibt vor den Weibern, und als Freund von den Weibern bin ich wieder ein Gegner von solch einem Manne. So ist der Mensch! Der eine isst gern Zwiebeln, der andere hat mehr Gefühl für warme Freundschaft, und ich, als ehrlicher Mann, muss aufrichtig gestehen, ich esse gern Zwiebeln, und eine schiefe Köchin ist mir lieber als der schönste Schönheitsfreund. Ja, ich muss gestehen, ich sehe nicht so viel Schönes am männlichen Geschlecht, dass man sich darin verlieben sollte."
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