Verlagsportrait
Der MännerschwarmSkript Verlag ist 1992 aus dem Buchladen Männerschwarm hervorgegangen. Als schwuler Verlag agieren wir zwar aus einer Nische, produzieren aber Bücher sowohl eindeutigen schwulen Inhalts als auch solche, die hohen literarischen oder wissenschaftlichen Ansprüchen genügen und für ein breites Publikum gemacht sind. Wir haben den Anspruch, "Schubladendenken" zu überwinden, einen interessanten Themenkomplex durch qualitativ hochwertige Literatur ins allgemeine Bewußtsein zu rücken. Das uns dies bisweilen gelingt, hat im Jahr 2001 auch eine von der Hamburger Kulturbehörde eingesetzte unabhängige Jury festgestellt:
Programmprämie 2001
der Freien und Hansestadt Hamburg
für Männerschwarm
Geschichte des Verlags -
Nischenliteratur oder "Szenegetto"
Und hier geht's zur
Dankesrede,
die Detlef Grumbach am 22. August 2001 im Literaturhaus gehalten hat und noch immer etwas über unsere Verlagsphilosophie aussagt.
Die Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg teilt mit:
Die Entscheidung über die Vergabe der Programmprämien 2001 für Hamburger Verlage ist gefallen. Die beiden Prämien von je DM 20 000.- zeichnen besonders ambitionierte Programme Hamburger Verlage aus. In diesem Jahr gehen die Prämien an den Cecilie Dressler Verlag und an den MännerschwarmSkript Verlag. Die 1993 erstmals vergebenen Prämien sind bundesweit die ersten derartigen Würdigungen verlegerischer Leistungen. Die Jury (Annemarie Stoltenberg, Dr. Jutta Siegmund-Schultze, Erika Werner, Stephan Samtleben, Dr. Wolfgang Schömel) begründet ihre Entscheidung wie folgt:
"Der aus der Männerschwarm Buchhandlung hervorgegangene MännerschwarmSkript Verlag bemüht sich seit vielen Jahren außerordentlich engagiert um die verlegerische Betreuung und Publikation von Literatur aus der schwulen Lebenswelt. Er hat es von Beginn an vermieden, dabei ideologisch oder sektiererisch vorzugehen, hat sich im Gegenteil stets bemüht, allgemein gültigen literarischen Qualitätskriterien zu genügen. Besonders mit den jüngsten Verlagsnovitäten, die einem allgemein literarisch, literarhistorisch und soziologisch interessiertem Publikum interessante Themenkreise erschließen, zeigt der MännerschwarmSkript Verlag, dass ein Verlagsprogramm, das sich dem Thema "Homosexualität" verpflichtet fühlt, nicht nur Ebenbürtiges, sondern sogar Besseres zu leisten vermag als eine entsprechende Reihe in einem großen Publikumsverlag."
Die Geschichte des Verlags
Seine Gründung verdankt der Verlag MännerschwarmSkript (msk) der Veröffentlichung des Comics "Bullenklöten" von Ralf König. Die Auflage kletterte im ersten Jahr bereits auf 50 000 Exemplare, und damit war das Startkapital vorhanden, um weitere Projekte in Angriff zu nehmen. Die Inhaber des 1981 gegründeten Buchladens Männerschwarm gliederten also den Verlag als eigene Firma aus und nahmen den Journalisten Detlef Grumbach als dritten Gesellschafter in den Verlag auf.
Bestehende AutorInnenkontakte führten dazu, dass bereits 1993 der Schweizer Autor Christoph Geiser einen Erzählband und der Berliner Detlev Meyer einen Gedichtband bei msk veröffentlichten. Die erste Übersetzung wurde in Auftrag gegeben, und in der Sachbuchreihe erschien unter anderem Harald Rimmeles Diplomarbeit "Schwule Biedermänner - Die Karriere der schwulen Ehe als Forderung der Schwulenbewegung", eine kluge Rekonstruktion der Machenschaften einiger Verbandsfunktionäre.
Und zweigleisig sollte es auch in den nächsten Jahren weitergehen: In der Belletristik wurde durch aufwendige Lektoratsarbeit der Grundstein für die erfreuliche Entwicklung deutschsprachiger Literatur schwuler AutorInnen gelegt, andererseits wurden internationale Bestseller auf den deutschen Markt gebracht, die wegen ihrer Thematik keine anderen Verlage finden konnten. Im Sachbuch wurde die anfängliche Veröffentlichung schwuler Diplomarbeiten in vom Verlag konzipierte Buchprojekte weiterentwickelt, die auf akademischen Niveau Fragen schwulen Lebens in Deutschland erörterten. Die führenden schwulen Sexualwissenschaftler Deutschlands, Martin Dannecker und Rüdiger Lautmann, veröffentlichten Rückblicke auf ihre Arbeit, der Sammelband "Die Linke und das Laster" untersuchte das Verhältnis der Arbeiterbewegung zur Homosexualität, und "Was heißt hier schwul?" leistete die Bestandsaufnahme schwulen Lebens Ende der Neunziger Jahre. In den letzten Jahren kamen literaturwissenschaftliche Veröffentlichungen zu schwuler Literatur im Faschismus (Christian Klein) und in der Nachkriegszeit (Gary Schmidt) dazu. Das Flaggschiff der Sachbuchreihe ist zweifellos Bernd-Ulrich Hergemöllers biografisches Lexikon "Mann für Mann", das im August als Taschenbuchausgabe im Suhrkamp Verlag erscheint.
Auf "Bullenklöten", das 1996 - 4 Jahre nach Erscheinen! - ein Indizierungsverfahren der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften mit Bravour absolvierte (die FAZ sprach davon, der Entscheid der BjS müsse geradezu als Empfehlung gelesen werden, das Buch zu kaufen), folgte 1999 "Super Paradise" und weitere Alben von Ralf König. Bei aller hanseatischen Bescheidenheit soll doch darauf hingewiesen werden, dass aus den Erlösen des Comics "Bullenklöten" 100 000 DM an Aidspflegeeinrichtungen in Köln und Hamburg gespendet wurden. Man sieht also, wie "nützlich" ein Bestsellerautor sein kann, wenn er in einem kleinen Verlag veröffentlicht.
Unter der Voraussetzung der räumlichen und personellen Kooperation mit dem Buchladen Männerschwarm steht der Verlag Männerschwarm heute solide da.
Nischenliteratur oder "Szenegetto"
was machen wir da eigentlich?
Literatur sollte den Zeitgenossen Auseinandersetzungen über alle Fragen des eigenen Lebens, über damit verbundene Sinnfragen und Konflikte sowie die Möglichkeit der Selbstverortung in einer vielfältigen Welt ermöglichen. Ein solches Verständnis würde ein gegenseitiges Interesse heterosexueller und homosexueller Menschen für die Teilwelten der jeweils anderen mit einschließen. "Schwule Literatur" ist insofern kein Gattungsbegriff irgend welcher Art, sondern lediglich eine Art Restkategorie, die den Kanon der ausschließlich heterosexuellen Gegenwartsliteratur um Aspekte des Alltags ergänzt, die sonst Scheuklappen zum Opfer fielen. Dieses Verständnis wird allerdings weder vom Buchhandel noch vom Feuilleton geteilt; beide sind hauptsächlich an Widerspiegelungen ihrer eigenen Lebensweise interessiert.
Spätestens seit Judith Butlers "Unbehagen der Geschlechter" 1991 auf deutsch erschienen ist, wird die aus Amerika kommende Gender-Debatte auch hierzulande in vielen Zusammenhängen geführt. In Fotografie und bildender Kunst wurde Anfang der achtziger Jahre das Tabu der (homo-)erotischen Darstellung männlicher Körper gebrochen, die deutschsprachige Literatur hält dagegen am heterosexuellen Grundmuster fest. Im schwulenfeindlichen Großbritannien können Romane mit explizit homosexuellem Inhalt zu Bestsellern werden (Michael Carson, Neil Bartlett, Andrew Hollinghurst), in Frankreich erreichen AutorInnen wie Michel Tournier, Yves Navarre und Hervé Guibert ein Massenpublikum, im katholischen Italien gelingt Pasolini, Tondelli und Busi dasselbe.
In Deutschland befinden wir uns dagegen noch immer in der Situation, dass die großen Verlage in der Regel die Finger von solchen unanständigen Themen lassen, und wenn sie doch einmal verlegt werden, verhindert die Sortimenterin, dass das Buch das Publikum erreicht (s. den Meinungsartikel des Verlegers Martin Schmidt im Börsenblatt 13/99: ein "unverdächtiger" Verleger juristischer und wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur beklagt die "Vorzensur" der Sittenwächter im Sortiment). Auch das Feuilleton versagt in seiner Vermittlungsfunktion. Als besonders peinliches, aber typisches Beispiel sei nur Verena Auffermann in der Süddeutschen Zeitung zitiert, die meint, dem biografischen Roman eines offenbar schwulen AutorInnen entschuldigend bescheinigen zu müssen: "Doch er führt nicht ins Milieu der Stricher, nicht zu Abschweifungen ins Homosexuelle", offenbar ohne zu merken, welche absurden Vorurteile hier transportiert werden. Und der Verlag, der zum fünfzigsten Geburtstag seinen Anspruch bekräftigt, solche Bücher zu verlegen, die das Publikum nicht ohnehin lesen will, druckt diese böse Entgleisung als Kaufanreiz auf die Rückseite des Buchs.
Kein "heterosexueller Autor" muss sich darüber Gedanken machen, wie ausführlich er seinem persönlichen Interesse an Auseinandersetzung mit Fragen des gemischtgeschlechtlichen Zusammenlebens nachgibt. Sein schwuler Kollege weiß stets das Schwert der Abqualifizierung über seinem Kopf hängen: wird der Text zu "schwul", schicken ihn Verlage und Feuilleton auf den Bindestrich: Literatur wird zu Schwulen-Literatur, der Autor zu einem schwulen Autor, und damit wäre er aus dem Korpus ernsthafter Kunst ausgetrieben.
Bei allem Gerede von schwuler Ehe und bei allen Rollenklischees, die sich immer wieder auch zwischen schwulen Männern finden lassen, steht wohl außer Zweifel, dass Beziehungsformen und erotische Konstellationen, aber auch die Grundeinstellung zu den vielen auf die heterosexuelle Kleinfamilien zugeschnittenen Strukturelementen des Alltagslebens bei schwulen Männern sich deutlich von denen heterosexueller Menschen unterscheiden. Auch wenn die Arroganz der frühen Schwulenbewegung, alles besser zu machen als die Heteros, heute keine Rolle mehr spielt, sind Schwule ganz automatisch die "Kontrollgruppe" zum heterosexuellen Verhaltensmuster, und an ihren Eigenheiten kann Jedermann und Jedefrau etwas lernen. Es gibt ausreichende Beispiele in der bisher überwiegend in sogenannten Nischenverlagen erschienenen schwulen Literatur, die genau diese Merkmale aufweisen.
Wir freuen uns darüber, dass die Jury der Programmprämie 2001 erkannt hat: "Er hat es von Beginn an vermieden, ideologisch oder sektiererisch vorzugehen, hat sich im Gegenteil stets bemüht, allgemein gültigen literarischen Qualitätskriterien zu genügen." Wenn die Verleihung der Programmprämie dazu betragen sollte, dass die Werke so hervorragender AutorInnen wie Walter Foelske, Thomas Böhme oder Michael Sollorz trotz ihrer für manchen Leser vielleicht ungewöhnlichen Thematik als wichtige Bestandteile deutschsprachiger Gegenwartsliteratur gewürdigt werden, würde unsere Freude über den Preis verdoppelt.
© Männerschwarm - 1999 - 2013 -Lange Reihe 102 - 20099 Hamburg
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