Ein Gespräch über die Liebe

In der Schrift «Erotes» (Zweierlei Liebe) des spätantiken Autors Lukian (ca. 120–180 u.Z.) halten - eingebettet in eine Rahmenerzählung - zwei Männer ihre Plädoyers für die nach ihrer Meinung edlere Form der Liebe: Charikles aus Korinth lobt die Liebe zur Frau, Kallikratidas aus Athen die Liebe zum Jüngling. Den Sieg erringt der Mann aus Athen, der «Hochburg der Pädophilie».


Der Gymnasialprofessor Paul Brandt (1875–1929) übersetzte als «Hans Licht» erstmals Lukians Schrift ins Deutsche, da sich Christoph Martin Wieland, der bedeutende Lukian-Übersetzer, damit nicht hatte «beschmutzen» wollen.

 «Mir aber, ihr hohen Götter des Himmels, vergönnt mein ganzes Leben lang gegenüber dem Geliebten sitzen zu dürfen, stets ihm nahe die süße Stimme zu hören, ihn auf allen Wegen zu begleiten und an all seinem Wesen Anteil zu haben.»

 

Bibliothek rosa Winkel, Bd. 71
In der Übersetzung von Hans Licht  (Paul Brandt), hrsg. von Wolfram Setz
174 Seiten, 14,00 EUR (D

Hier bestellen!

 

Leseprobe

46.
Wer sollte solch einen Jungen nicht liebgewinnen? Dem müßte Blindheit die Augen getrübt und Stumpfheit den klaren Verstand geschwächt haben! Sonst müßte ihn Liebe erfüllen zu solchem Knaben, der auf dem Turnplatz ein Hermes ist, ein Apollo beim Saitenspiel, ein Kastor auf dem Pferde, kurz in seinem sterblichen Körper alle Vorzüge der Götter vereinigt. Mir aber, ihr [hohen] Götter des Himmels, vergönnt mein ganzes Leben lang gegenüber dem Geliebten sitzen zu dürfen, stets ihm nahe die süße Stimme zu hören, ihn auf allen Wegen zu begleiten und an all seinem Wesen Anteil zu haben. Und dies ist der Wunsch, den der Liebende hegt, daß der Geliebte ohne Anstoß und mit sicherem Fuß die Lebensbahn von Kummer frei bis zum Alter wandle, ohne irgendwelches Leid eines neidischen, mißgünstigen Geschickes zu erfahren. Wenn aber, wie das nun einmal das Gesetz der menschlichen Natur ist, doch eine Krankheit den Geliebten befallen sollte, so will ich teilnehmend an seinem Schmerzenslager sitzen; muß er eine Seefahrt antreten, will ich in allen Stürmen des Meeres ihm zur Seite aushalten; wenn Tyrannengewalt ihn in Fesseln schlägt, soll mich dieselbe Kette umschließen. Jeder Feind, der ihn haßt, wird auch mein Feind sein, und ich werde die lieben, die ihm wohlwollen. Wenn ich sehe, daß Räuber oder Feinde gegen ihn anstürmen, werde ich mit Waffen selbst gegen eine Übermacht ihn schützen und wenn er stirbt, werde auch ich das Leben nicht mehr ertragen. Das aber wird meine letzte Bitte sein an die, die ich nach jenem am meisten liebe, daß sie uns beiden ein gemeinsames Grab aufschütten und uns aneinander betten, so daß selbst der stumme Staub unserer Gebeine im Tode vereint bleibe.

47.
Nicht solche Liebe, wie ich sie zu denen empfinde, die dieser Zuneigung würdig sind, hat zuerst derartiges sanktioniert, sondern der göttergleiche Sinn der Heroen hat dies zum Gesetz erhoben, die Heroen, in denen die Freundesliebe erst mit dem letzten Atemzuge endete. Im Lande Phokis sind seit ihren frühesten Knabenjahren Orestes und Pylades unzertrennlich gewesen ...