Lugi Settembrini:

Die Neuplatoniker

Ein erotisches Märchen

Luigi Settembrini (1813–1876) gehört zu den Heroen des italienischen Risorgimento. Viele Jahre in politischer Gefangenschaft, übersetzte er das umfangreiche Gesamtwerk des spätantiken Autors Lukian (ca. 120–180 u.Z.). Von dessen Schrift «Erotes» (Zweierlei Liebe) ließ er sich zu einer eigenen Version inspirieren: Zwei Knaben, Kallikles und Doros, wachsen gemeinsam auf, werden zu Jünglingen und Männern, erkunden auf ihrer Lebensreise die vielfältigen Formen der Liebe. Zwar steht am Ende eine Doppelhochzeit, doch «bis ins hohe Alter fanden sie von Zeit zu Zeit, wenn sich Gelegenheit bot, im selben Bett zusammen».

Sechs Jahrzehnte nach dem Tod des Autors wurde das erotische Märchen durch Zufall

entdeckt, der Öffentlichkeit jedoch vorenthalten, um Settembrinis Ruf nicht zu gefährden. 1977 endlich veröffentlicht, ist es in Italien längst zu einem klassischen Text «homoerotischer Literatur» geworden.

 

Bibliothek rosa Winkel, Band 72
In der Übersetzung von Gerd Gauglitz und mit einem Nachwort von Wolfram Setz
ca. 130 Seiten, ca. 14,00 EUR (D), lieferbar ab Mai 2017

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Leseprobe

Wenn die beiden Jünglinge Arm in Arm dalagen, glichen sie zwei Scheffeln feinsten Mehls. Ihre Körper waren ganz weiß und überhaucht von Rosenrot und strahlend, und ihnen entströmte der frische Duft der Jugend und sie waren immer rein vom Baden. Sie betrachteten sich, einer den anderen, sie liebkosten sich, sie berührten sich an jeder Stelle des Körpers, sie küßten sich auf die Augen und aufs Gesicht, auf die Brust, den Bauch und die Schenkel und auf die Füße, die wie von Silber waren. Dann schmiegten sie sich ganz dicht aneinander und umschlangen sich, und der eine steckte seine Zunge in den Mund des anderen, und so tranken sie voneinander den Nektar der Götter und bewiesen große Ausdauer, wenn sie jenen Nektar schlürften. Und hin und wieder pausierten sie ein wenig und lächelten und riefen sich beim Namen, um dann erneut Brust an Brust zu pressen und den süßen Nektar zu trinken. Und als es ihnen nicht mehr genügte, Brust an Brust zu pressen, faßte der eine den anderen bei der Schulter und versuchte, zwischen seine schönen Äpfel zu gelangen, doch dem anderen tat es weh, und so zog er sich zurück, um seinem Geliebten keine Schmerzen zu bereiten. Viele Male hatte mal der eine, mal der andere dieses Spiel versucht, aber keiner von beiden war zum Ziele gelangt. Endlich erhob sich Doros und sagte: «Eine Gottheit hat mir ein Hilfsmittel zugeflüstert.» Er griff nach einer Phiole mit feinstem bernsteingelbem Öl und fuhr fort: «Laß uns mit diesem Öl den Schlüssel und das Schloß schmieren und sehen, ob es uns wohl so gelingt, das Schloß zu öffnen.» Sie ölten gründlich sowohl Schloß als auch Schlüssel, und so drang Doros siegreich ein, ohne daß es ihm viel Mühe oder Kallikles viel Kummer bereitet hätte. Auf dieselbe Art preschte Kallikles vor und trug ebenfalls einen Sieg davon. Und so waren sie beide froh und taten sich gütlich an der ersten Frucht ihrer Liebe. Noch am selben Tage erklommen sie den Berg, betraten den Tempel der jungfräulichen Athene, der ja der Ölbaum heilig ist, und dankten der Göttin für den Ausweg, den sie ihnen gezeigt hatte, als sie sie jenes Öl benutzen ließ, von dem Gelehrte und Liebende Gebrauch machen.