Detlef Grumbach (Hg.): Demo.Für.Alle.

Ist die «Bewegung» in eine Falle gelaufen, als sie Toleranz für eine «Liebe wie jede andere auch» forderte? Werden nur solche Homosexuelle geduldet, die so leben wie die Heteros, in festen Partnerschaften, nach ihren Mustern? Und wie brüchig ist diese Duldung? «Demos für alle», «besorgte Eltern» und die beschämenden

Reaktionen auf den tödliche Anschlag von Orlando/USA haben diese längst gärenden Fragen ins Bewusstsein gerückt. Auch die Frage nach den Perspektiven: Was müssen wir tun, dass sexuelle Vielfalt endlich respektiert wird – egal ob in Partnerschaften oder promisk, lesbisch, schwul, bi oder trans*?

Darüber schreiben Muriel Aichberger, Joachim Bartholomae, Birgit Bosold, Ansgar Drücker, Gert Hekma, Werner Hinzpeter,  Dirk Ludigs, Bodo Niendel, Peter Rehberg, Jan Schnorrenberg, Gabriel Wolkenfeld und Volker Woltersdorff.

168 Seiten, 16,00 EUR (D)

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Über den Herausgeber:

Detlef Grumbach wurde 1955 geboren, studierte Germanistik an der Universität Bielefeld und arbeitete seit 1982 bis 1990 als Buchhändler. Nach der Gründung des Männerschwarm Verlags im Jahr 1992 ist er dort für das Sachbuch-Programm, die Pressearbeit und den Webauftritt zuständig. Er hat zahlreiche Bücher herausgegeben und Beiträge verfasst. Außerdem arbeitet er als freier Journalist und Literaturkritiker überwiegend für den Deutschlandfunk.

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Aus dem Vorwort

Orlando ...

Orlando, 12. Juni 2016: Ein Attentäter betritt den queeren Club Pulse. Dort feieren Latinos eine Party, die meisten Besucher sind schwul, lesbisch, bisexuell oder transgender. Er tötet 49 Besucher*Innen und verletzt 53 weitere. Der Anschlag auf das Pulse hat ungewöhnlich starke Reaktionen hervorgerufen. Spontan brachten Schwule, Lesben, Trans* und andere weltweit ihre Trauer um die Opfer zum Ausdruck, auf vielen CSD-Paraden des Sommers 2016 trugen Teilnehmer ein riesiges Trauerband, jedes einzelne der Opfer wurde mit Name, Gesicht und wichtigen Lebensdaten gezeigt.

Der Anschlag hatte sich gezielt gegen einen Ort gerichtet, an dem queere Menschen oder Queers – so will ich sie mal nennen, um die unübersichtliche Buchstabenkette LSBQTI* in Zukunft zu vermeiden – unter ihresgleichen waren und sich sicher fühlten. Er wirkte wie ein Menetekel: Ihr alle seit gemeint. In den USA wurde dies von einem großen Teil der Öffentlichkeit verstanden. Der Präsident, sein Vize und auch die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, Barack Obama, Joe Biden und Hillary Clinton, solidarisierten sich ausdrücklich mit den queeren Opfern. Doch «hierzulande ist die sexuelle Orientierung der Opfer Angela Merkel keine Erwähnung wert […], ist der Kanzlerin die Besonderheit dieses Anschlages offenbar gleichgültig», schrieb der Vorsitzende des Vereins Hamburg Pride, Stefan Mielchen, an prominenter Stelle auf der Website des Stern. «Diese Ignoranz ist erbärmlich. Und sie tut weh.» Er fuhr fort:

«Eine Geste, ein Zeichen der Empathie in Richtung der Homosexuellen ist offenbar zu viel für eine christliche Politikerin. Das ist ein Schlag in das Gesicht all derer, die in Deutschland nicht der heterosexuellen Norm entsprechen und der Kanzlerin ein ungutes Bauchgefühl bescheren mit ihrer Forderung nach vollständiger Gleichberechtigung. Denn darum geht es immer noch im Deutschland des Jahres 2016: Dass Schwule und Lesben sich abfinden müssen, ungleich behandelt zu werden – vor dem Gesetz und in ihrem Alltag. Angela Merkel könnte das ändern. Sie will es nicht» (Mielchen 2016).

… Besorgte Eltern, Demo für alle

Der Anschlag und die unterschiedlichen Reaktionen haben etwas ausgelöst. Es brach etwas hervor, das lange im Untergrund rumort hatte: das Bewusstsein dafür, dass es mit wachsender Akzeptanz und den Schritten zur rechtlichen Gleichstellung nicht automatisch immer so weiter gehen muss, dass ein Rollback möglich ist.

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«Unser Kampf hört nie auf» – die Antworten der Bewegung

«Unser Kampf hört nie auf» – so zitiert Adriano Sack in der Die Welt einen Freund. Gegen welche Gegner dieser Kampf wieder aufgenommen und weitergeführt werden muss, wer überhaupt seine Bündnispartner und was seine Ziele sind, wie die Bewegung darauf vorbereitet ist und wie die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen einzuschätzen sind, sind Themen dieses Sammelbands.

Dazu gehören eine Bestandsaufnahme der homopolitischen Standpunkte der AfD, aber auch die Veränderungen des Selbstbilds vor allem von Schwulen, die nicht mehr schwul, sondern ‹richtige Männer› sein wollen. Zu den Rahmenanalysen gehören Fragen nach den tieferen Wurzeln der Homophobie und nach den seit den 1990er Jahren stark gewandelten, neo-liberalen gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen beides seinen Platz hat: queere Menschen, die anpassungsfähig und flexibel in ihre Rolle finden ebenso wie auch wachsende Homophobie.

Hinter all diesen Fragen steht die große Frage nach dem «Wir», nach den Subjekten, die den Kampf aufnehmen, gemeinsam im Bündnis oder getrennt gegen denselben Gegner.

Als in den 1970er Jahren die Lesbenbewegung vorsichtig aus dem Windschatten der Frauenbewegung trat und sich die Schwulenbewegung formierte, war dieses «Wir» politisch meist links und der Studentenbewegung verbunden. Es definierte sich politisch, vom Lebensgefühl her und sexuell in der Differenz zur Mehrheitsgesellschaft, wollte diese verändern und stieß mit ihrem provokanten Auftreten der großen schweigenden Mehrheit vor den Kopf. Es war eine kleine Minderheit der ansonsten unsichtbaren «Betroffenen».

Dieses «Wir» hat aber einen entscheidenden Teil dazu beigetragen, dass die Gesellschaft sich verändert hat, dass immer größere Teile der Schwulen und Lesben sich zeigen konnten, dass sich Sportvereine, Wandergruppen, Gruppen in Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Verbänden gründeten, bis hin zu den schwulen Managern im Völklinger Kreis und den lesbischen Wirtschaftsweibern. Statt die Differenz zu betonen, hieß die Losung jetzt «Eine Liebe wie jede andere», Normalität war Trumpf, es ging nicht um Veränderung der Gesellschaft, sondern um Teilhabe. Das alte «Wir» blieb zwar bestehen, jedoch als eine marginalisierte Minderheit; ein neues, größeres «Wir» von selbstbewussten Schwulen und Lesben in allen gesellschaftlichen Bereichen trat in der öffentlichen Wahrnehmung an seine Stelle. Und jetzt kommen die «Homosexuellen in der AfD» und erklären selbst dieses große, anpassungswillige «Wir» zu einer «linksgrün versifften» Minderheit und erheben den Anspruch, dass nur sie wirklich für eine Mehrheit der Homosexuellen sprechen.

Es gibt also kein homogenes «Wir», weder politisch noch hinsichtlich der Buchstabenkette LSBTQI*. Denn die erfolgreiche Konzentration der Klientelpolitik von Rot-grün auf Bürgerrechte und die zunehmende rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben mit Heterosexuellen hatte auch dazu geführt, dass sich die Fragen von Akzeptanz und Emanzipation auf die einer Akzeptanz der Ehe und des Adoptionsrechts verkürzt hatten – unter Ausschluss all derer, für die dies keine Option war. Denn es gibt zahlreiche Queers, die die Ehe mit ihren sozial- und steuerrechtlichen Implikationen für ein Ordnungsinstrument einer patriarchalen Gesellschaft halten, und es machen sich zunehmend auch jene «Betroffenen» bemerkbar, die aus der heteronormativen Dichotomie Mann-Frau herausfallen und schon deshalb nicht von Verbesserungen der Lebenssituation gleichgeschlechtlich liebender Menschen profitieren.

Hinzu kommt, dass die Institutionalisierung der Bewegung seit den 1990er Jahren, mit ihren öffentlichen und halböffentlichen Einrichtungen und den Möglichkeiten öffentlicher Förderung unter dem Diktat der Förderrichtlinien usw., dazu geführt hat, dass sich ein großer Teil der politischen Interessenvertretung immer weiter von der Straße in die Parlamente und parteipolitischen Räume verlagert hat (vgl. Bartholomae / Grumbach 2017). So verlässt sich heute ein Teil der potenziellen Basis einer queeren Bewegung je nach politischer Couleurs auf ihre «FachpolitikerInnen» in Parteigremien und Parlamenten, auf ihre Leute, die als GleichstellungsreferentInnen oder auf ähnlichen Positionen in den Verwaltungen tätig sind. Das Politikum der CSD-Paraden besteht in erster Linie noch darin, dass sie für massenhafte Sichtbarkeit der Queers sorgen – auch jener, die sich nicht durch die Forderung der rechtlichen Gleichstellung repräsentiert fühlen.

Wenn wir den Satz vom nicht endenden Kampf ernst nehmen, müssen wir uns neu sortieren, über das «Wir», über das «Wer gegen wen?» streiten, über die Qualität unserer Ziele und unsere Beziehungen zu anderen Feldern der politischen Auseinandersetzung. Unser Band soll einen Beitrag dazu leisten, so wie schon Patsy l’Amour laLoves «Selbsthass und Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität» (2016) den Aufschlag zur Wiederaufnahme einer wichtigen theoretischen Diskussion geliefert hat. Unser Band folgt keiner These, läuft nicht auf einen einheitlichen Standpunkt hinaus. Er sammelt Standpunkte ein, ist dabei schwulen-lastig, was gar nicht beabsichtigt war. Wir hatten auch Lesben und Trans* angesprochen, es gab mehrere Zusagen, doch nicht alles, was möglich ist, geschieht auch. Das muss aber kein Wermutstropfen sein. Stephanie Kuhnen hat am 3. Februar auf Facebook einen lesbenpolitischen Sammelband angekündigt, von Patsy l’Amour laLove wird ein weiterer Band erscheinen. Die Zeichen der Zeit sind erkannt. Die Diskussionen kommt in Gang.