Männerschwarm wird bald 25 Jahre alt - aktuelle Broschüre zu unserem Selbstverständnis hier downloaden ...

 

... und hier der "zeitlose" Text

 

Der Ausgangspunkt

Heterosexuelle Schriftsteller sind dazu verdammt, von nichts anderem als Heirat, Scheidung und Geburt zu schreiben; schwule Schriftsteller haben die Freiheit, zum ersten Mal so viele lebendige und noch nie genannte Erfahrungen zu berichten – so beschreibt der amerikanische Schriftsteller Edmund White seinen Platz in der Gegenwartsliteratur. Das könnte vielleicht ein wenig übertrieben sein, aber in der Tendenz hat er recht: Wer von Literatur erwartet, mit neuen Aspekten der vertrauten Wirklichkeit konfrontiert zu werden, wird durch die Lektüre homosexueller Autoren sicherlich reicher belohnt als durch den soundsovielten Familienroman. Und wer als Leser außerdem selbst homosexuell ist, erfährt das große Glück, endlich Geschichten über sich und seinesgleichen lesen zu können. Denn obwohl männliche und weibliche Homosexuelle in den Medien, den Künsten, der Mode und selbst der Politik allgegenwärtig sind, gibt es einen Ort, wo man sie vergebens

sucht: die Literatur. Heterosexuelle Schriftsteller und Schriftstellerinnen wollen nicht die Welt und ihre Gesellschaft erkunden, sondern zunächst und vor allem sich selbst. Autoren, Verlage, Buchhändler und Leser tragen Scheuklappen.

Keine Lösung?

Wie die Frauenbewegung versuchte auch die Schwulenbewegung mit eigenen Buchläden und Verlagen, die Optik des Literaturbetriebs von blinden Flecken zu reinigen und neuen Stimmen Raum zu verschaffen. Dieses Engagement für eine unvoreingenommene Literatur (und Kunst) schlug fehl: Wer den Horizont erweitern wollte, wurde als Getto-Künstler, Getto-Buchhändler und Getto-Verlag abqualifiziert und ignoriert; die Freude, völlig neue Erfahrungen in die Literatur einzubringen, wich der Ernüchterung, dass niemand das wissen wollte. Heute weisen viele schwule Autoren die Bezeichnung „schwuler Autor“ zurück, um Vorurteilen und Schubladendenken zu entgehen – vom umgekehrten Fall, dass ein heterosexueller Autor nicht „heterosexueller Autor“ genannt werden will, hat wohl noch niemand gehört (die einzige Ausnahme könnte Thomas Meinecke sein). Das „Brillenputzen“ war demnach, wie man Jahre später feststellen muss, keine Lösung. Oder besser: Das Angebot, das darin für den Literaturbetrieb und für Leserinnen und Leser bestanden hat, wurde nicht in dem gewünschten und vielleicht nötigen Umfang angenommen.

Der Männerschwarm Verlag arbeitet weiter dran ...

Der Männerschwarm Verlag (anfangs MännerschwarmSkript Verlag) wurde 1992 von Menschen gegründet, die blinde Flecken beseitigen wollten. Dazu gehörten drei Buchhändler des Buchladens Männerschwarm, Tobias Völker, Hans-Jürgen Köster und Joachim Bartholomae, sowie der Journalist Detlef Grumbach. Übriggeblieben sind heute die beiden letztgenannten. Das Verlagsprogramm von knapp vierhundert Titeln bietet viele Aussichten, die anderswo nicht zu bekommen sind; auch heute noch garantiert die thematische Zurückhaltung der Verlagswelt unserem Kleinverlag seine Alleinstellung. Das Programm des Männerschwarm Verlags umfasst deutsche und internationale Belletristik, wissenschaftliche und populäre Sachbücher, Comics und seit 2001 auch eine kleine feine Reihe erotischer Literatur. Einige dieser Bücher könnten spannende Geschichten von Prüderie, Borniertheit und Zensur erzählen, eines sogar vom Staatsanwalt; doch Bücher reden nicht, fragen Sie also bei Interesse die Verleger.

... aus der Nische, aber nicht für die Nische!

Der Männerschwarm Verlag arbeitet nach dem Motto: „Aus der Nische für alle“, wir sind kein „Zielgruppenverlag“, oder, wie eine reizende heterosexuelle Autorin einmal sagte: „Verschwult werdet ihr von den anderen“. Wer also seiner verschmierten Brille überdrüssig ist, kann jederzeit sorglos zu unserem Angebot greifen. Auf diesen Moment arbeiten wir hin. Und gelegentlich sind wir unseren Zielen natürlich auch schon sehr nahe gekommen. Ein schöner Augenblick war, als wir uns im Jahr 2001 für die Verlagsprämie der Hamburger Kulturbehörde bedanken durften.